Overline: Auswirkungen des Klimawandels im hohen Norden
Headline: Nachhaltige Zukunft der Arktis: Eine regionale und globale Herausforderung

Die Temperaturen in der Arktis steigen derzeit doppelt so schnell wie in den meisten anderen Regionen des Planeten – ein Phänomen, das sich im Laufe der letzten Jahrzehnte am auffälligsten an der schwindenden Ausdehnung und dem schrumpfenden Volumen der arktischen Meereisdecke gezeigt hat. Gegen Ende des Sommers 2012 war die Ausdehnung der arktischen Meereisdecke am geringsten seit Beginn der Satellitenmessungen: nur noch 3,41 Millionen Quadratkilometer, eine Verringerung um 49 Prozent gegenüber dem Durchschnitt der Jahre 1979 bis 2000. Seither ist das sommerliche Meereis in der Arktis auf einem historisch sehr niedrigen Niveau geblieben. Die Prozesse, die sich zurzeit in der Arktis vollziehen, sind eingebettet in klimatische, wirtschaftliche, juristische und gesellschaftliche Systeme und Prozesse, die weit über den nördlichen Polarkreis hinausreichen.

Globale Dimensionen der arktischen Veränderungen

Obwohl die Arktis bereits seit langem in Globalisierungsprozesse eingebunden ist – sei es durch Wirtschaftsbeziehungen, politische Kooperation oder Tourismus –, bringt die wachsende internationale Aufmerksamkeit für die Region eine große Zahl neuer Möglichkeiten und Risiken für die wirtschaftlichen, rechtlichen und sozialen Systeme im Norden. Diese betreffen einerseits das wachsende politische und wirtschaftliche Interesse an bislang nicht zugänglichen Ressourcen und Wasserstraßen in der Arktis. Andererseits fokussiert sich die Aufmerksamkeit auf die Rolle der Region für globale Systeme und Prozesse, vor allem auf arktische Einflüsse in Bezug auf das globale Wetter- und Klimasystem. Die politischen, rechtlichen und sozialen Verbindungen zwischen der Arktis und niedrigeren Breiten war bislang weniger im Zentrum der öffentlichen wie akademischen Aufmerksamkeit. Sie besser zu verstehen und ihre Rolle und Relevanz für die nachhaltige Transformation der Arktis zu bewerten, ist ein zentrales Anliegen der Arktisforschung am IASS.

Der rapide Klimawandel in der Arktis wird weitgehend den Treibhausgasemissionen zugeschrieben, die aus den Konsumgewohnheiten in den industrialisierten, entwickelten Ländern jenseits der südlichen Arktisgrenzen resultieren. Der Klimawandel in der Arktis hat wiederum verschiedene direkte Auswirkungen auf und Implikationen für nichtarktische Regionen. Dazu zählt der Anstieg des Meeresspiegels, sollte sich das Abschmelzen des Grönlandeisschilds noch schneller vollziehen, und die möglicherweise beschleunigte Freisetzung von Methan aus tauenden Permafrostböden in die Atmosphäre.

Ruß beschleunigt die Eisschmelze

Den nach dem CO2 größten Beitrag zum Klimawandel in der Arktis leisten kurzlebige klimawirksame Schadstoffe (SLCPs), insbesondere Ruß, der durch unvollständige Verbrennung von fossilen Energieträgern, Biokraftstoffen und Biomasse entsteht. Ruß hat das Potenzial, die Eisschmelze zu beschleunigen, weil er helle Oberflächen verdunkelt. Das führt zu einer erhöhten Absorption von Sonnenlicht (Albedo-Effekt). Emissionen aus den Industriezentren Europas, Nordamerikas und Asiens sind derzeit die weitaus größte Quelle von Ruß in der Arktis. Dabei sind die Hauptverursacher Emissionen aus Dieselmotoren in Europa und Nordamerika sowie aus der industriellen Verbrennung von Kohle und heimischen Feuerstätten in Asien.

Weil überdies die Offshore-Öl- und Gas-Exploration sowie verstärkter Seeverkehr in der Arktis technisch und wirtschaftlich machbar werden, ist mit einem bedeutenden Anstieg von Rußemissionen in der Arktis selbst zu rechnen. Das ist auf die Ausweitung von Bergbau, Energie- und Verkehrsaktivitäten in Gebieten zurückzuführen, die zuvor eisbedeckt waren – vor allem entlang der russischen Arktisküste, aber auch in den arktischen Gebieten Grönlands und Nordamerikas. Zudem haben diese Emissionen nicht nur potenziell ernste Auswirkungen auf die Gesundheit und das Klima in der Arktis selbst, sondern können auch in mittlere Breiten vordringen und damit die Gesundheitsrisiken verschärfen, die durch die Luftverschmutzung auch in Europa entstehen.

Wirtschaftliches Interesse an der Arktis ist groß

Aber das Klima ist nicht der einzige Faktor, der arktische und nichtarktische Regionen verbindet. Versuche, das wirtschaftliche Potenzial der Arktis auszubeuten – durch Bergbau, die Entwicklung von Offshore-Öl- und Gas-Vorkommen auf dem Kontinentalschelf der Arktis-Anrainerstaaten, die Nutzung von Schifffahrtsrouten durch arktische Gewässer und das Vordringen in potenzielle neue Fischfanggründe –, werden weitgehend durch wirtschaftliche Nachfrage und Investitionen von außerhalb der Arktis vorangetrieben. Die Entwicklung von globalen Rohstoffpreisen für Minerale und Kohlenwasserstoffe sowie die Risikoeinschätzungen und -prämien, die im (Rück-)Versicherungssektor, von Klassifikationsgesellschaften und internationalen Finanzinvestoren angeboten werden, sind weitere „außer-arktische“ Faktoren, die zweifellos Folgen für die künftigen Entwicklungen in der Arktis haben werden.

Diese arktisch-globalen Fernwirkungen zeigen, dass die Arktis untrennbar mit Systemen und Prozessen verknüpft ist, die weit über den nördlichen Polarkreis hinausreichen. Aus diesem Grund ist es wichtig, diese Fernwirkungen auf verschiedenen Ebenen (lokal, national, regional, international) und in verschiedenen Zeiträumen genau zu verstehen. So können Entscheidungsträger und betroffene Akteuren und Rechteinhaber das nötige Wissen erhalten, damit sie heutige und künftige Aufgaben bewältigen und eine nachhaltige Zukunft der Arktis sichern können.

Um einen Betrag zur Arbeit an nachhaltigen Pfaden für die arktischen Regionen zu leisten, baut das IASS konstruktive Beziehungen zwischen Akteuren innerhalb und außerhalb der Arktis auf, die den kontinuierlichen Wandel in der Region beeinflussen oder davon betroffen sind. Und um sie besser in die Lage zu versetzen, die nachhaltige Zukunft der Arktis aufgrund fundierter Kenntnisse zu planen, konzentriert sich das IASS auf arktische Governance-Strukturen, und zwar speziell auf die fehlenden Kontakte zwischen arktisspezifischen Institutionen (insbesondere dem Arktischen Rat) und arktisrelevanten Institutionen. Letztere sind oft umfassendere regionale und internationale Organisationsstrukturen wie das Oslo-Paris-Übereinkommen zum Schutz der Meeresumwelt des Nordostatlantiks (OSPAR-Konvention) sowie verschiedene Regionale Fischereiorganisationen (RFMOs) und Abkommen unter der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO).

Eine sich wandelnde Arktis wirft mehrere zusammenhängende Fragen auf:

Wie werden die Nutzung arktischer Ressourcen (insbesondere aus dem Bergbau sowie Offshore-Öl- und Gasgewinnung) und andere wirtschaftliche Aktivitäten wie der Schiffsverkehr und die Fischerei die arktische Region verändern?

Wie werden SLCPs (vor allem Ruß) und Treibhausgasemissionen die arktische Umwelt beeinflussen, insbesondere mit Hinblick auf die Meereis-Entwicklung?

Welche möglichen Auswirkungen hat der kontinuierliche Wandel auf die arktischen Kommunen und die Umwelt?

Was kann getan werden, um die Interaktions- und Entscheidungsprozesse unter Beteiligung verschiedener Akteure auf mehreren Ebenen (staatlich, nichtstaatlich, lokal, regional, national, international) beim Übergang in eine nachhaltige arktische Zukunft effektiver zu gestalten?

Um diese und andere Fragen zu thematisieren, sind IASS-Arktisforscherinnen und -Arktisforscher auf vielerlei Feldern aktiv:

  • Organisation von Veranstaltungen für junge Wissenschaftler wie die Potsdam Summer School,
  • Durchführung von  Forschungsprojekten mit verschiedenen nationalen und internationalen Partnern,
  • Zusammenarbeit mit anderen Arktisexperten und –organisationen wie dem Deutschen Arktisbüro und den Botschaften der Arktisstaaten,
  • Einbindung von Akteuren durch integrative Formate wie Szenarien-Workshops,
  • Beiträge zu arktischer Governance als durch Teilnahme an der Arbeitsgruppe zur Nachhaltigen Entwicklung des Arktischen Rates,
  • Veröffentlichung von Büchern, akademischen Zeitschriftenartikeln und Blogbeiträgen zu aktuellen Entwicklungen in der Arktis, und
  • Durchführung von Seminaren zu Arktisthemen an der Universität Potsdam und Betreuung von Master- und Dissertationsprojekten.